Energiegemeinde Wiernsheim im Portrait

Karlheinz Oehler ist seit 39 Jahren Bürgermeister der Gemeinde Wiernsheim im Enzkreis. Sie besteht aus den vier Ortsteilen Wiernsheim, Iptingen, Pinache und Serres. Wir sprachen mit ihm über die Vorreiterrolle der Gemeinde in Sachen Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Wiernsheim wurde dafür vielfach ausgezeichnet, unter anderem mehrfach mit dem Energy Award der Europäischen Union.

Herr Oehler, die Gemeinde Wiernsheim hat sich in den vergangenen 25 Jahren weit über die Region hinaus als Energiegemeinde profiliert. Erklären Sie uns, wie es dazu kam und was Sie antreibt.

Angefangen hat es 1994. Die Gemeinde nutzte die Chance, mit allen vier Ortsteilen an dem Forschungsprojekt „Schadstoffminderung im Städtebau“ des Programms ExWoSt (Experimenteller Wohnungs- und Städtebau) des Bundesbauministeriums teilzunehmen – und zwar als einzige Landgemeinde Deutschlands. Wir wollten uns aber nicht mit einem schönen Schlussbericht zufriedengeben. Sondern wir haben die maximale praktische Umsetzung der erkannten Potenziale zum Klimaschutz als oberstes kommunalpolitisches Ziel definiert. Seitdem gehen wir mutig und entschlossen diesen Weg. Der Gemeinderat steht über alle Wahlperioden geschlossen zu diesem Ziel.

Noch im selben Jahr begann für den Ortsteil Pinache ein neues Zeitalter der Ortskernsanierung. Erstmals mit der energetischen Sanierung von Wohngebäuden und explizit mit dem Einsatz erneuerbarer Energieträger. Durch geschickte Ausgestaltung der Förderrichtlinien erreichten wir eine hohe Mitwirkung. Damals noch kaum verbreitete Techniken wie thermische Solarkollektoren, Fotovoltaik, Holzpellets- und Hackschnitzelheizungen, Erdwärme mit Erdsonden wurden im Rahmen umfassender Modernisierungen im Gebäudebestand umgesetzt. Nicht nur der historische Ortskern, auch Wohngebiete der 60er und 70er Jahre waren in das Sanierungsgebiet einbezogen. Die Maßnahme war ein voller Erfolg und seither ist die Akzeptanz aller unserer Bürgerinnen und Bürger für den Klimaschutz sehr hoch.

Über den langen Zeitraum bis heute wurden in Wiernsheim viele Vorzeigeprojekte umgesetzt. Was sind aus Ihrer Sicht die Erfolgsfaktoren, die dazu beigetragen haben?

Hier will ich an erster Stelle die Städtebauförderung in Baden-Württemberg und ihre Verantwortlichen nennen. Wir sind dort mit unseren Ideen stets auf Interesse und Unterstützung gestoßen. Für besonders innovative Konzepte war meist noch keine Spezialförderung „erfunden“. Ohne diese namhaften Finanzhilfen über die vielen Jahre hätten selbst wir nur einen Bruchteil der Projekte umsetzen können. Dabei waren Sie, Herr Neuser, als unser Sanierungsberater der KE maßgeblich beteiligt. Sie haben uns seit 1992 immer vorausschauend und kreativ den Weg für die richtigen Verfahren, Programme und die Förderung gewiesen und geebnet. Unverzichtbarer weiterer Baustein des Erfolgs ist unser „Arbeitskreis Energie“ und unser kommunales Förderprogramm. Die Mitglieder stehen ehrenamtlich für alle Fragen rund um die Themen Energie in privaten und öffentlichen Gebäuden zur Verfügung. Der Vorsitzende Dr. Achim Stuible ist ein hoch qualifizierter Experte auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien und das ist ein Glücksfall für die Gemeinde.

Für Maßnahmen zur Steigerung der Klimaeffizienz können Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer heute diverse Zuschüsse von Bund und Land in Anspruch nehmen. Ergänzend stellt die Gemeinde Wiernsheim bereits seit 20 Jahren über ihr kommunales Förderprogramm erhebliche eigene Mittel bereit und fördert den Einsatz erneuerbarer Energien und von Energieeffizienz, indem sie direkte Zuschüsse auszahlt.

Nennen Sie uns noch weitere kommunale Pilotprojekte, die Sie umgesetzt haben, und vor allem, was planen Sie aktuell?

Der 2009 eröffnete Neubau des Kindergartens im Ortsteil Serres war der bundesweit erste Plus-Energie-Kindergarten. Ein Gebäude, das dank Technik rechnerisch mehr Energie erzeugt, als es für Heizung, Lüftung, Warmwasser, Beleuchtung und sonstigen Stromverbrauch benötigt. Beim Bundeswettbewerb „Kommunaler Klimaschutz 2010“ gab es dafür den ersten Preis.

Unter dem Namen Callux lief 2008 ein von der Bundesregierung gefördertes Leuchtturmprojekt an, bei dem mit Beteiligung des Netzbetreibers die Brennstoffzellen-Technologie in der Praxis erprobt werden soll. In unserem „Kaffeemühlenmuseum“, übrigens bundesweit einmalig, wird so seit 2011 Strom und Wärme erzeugt. Die Anlage war in der Region die erste ihrer Art, die in einem öffentlichen Gebäude realisiert wurde.

Die Technologie des Solareisspeichers haben wir in unserem 2013 eröffneten „Bildungszentrum“, einem Multifunktionsgebäude, angewendet. Damit ist es möglich, überschüssige Wärme des Sommers zu speichern, um das Gebäude über den Winter zu heizen. Herzstück des Systems ist ein mit 100 Kubikmetern Wasser gefüllter Erdspeicher.

Unser aktuellstes Projekt, von dem ich absolut überzeugt bin, ist die energetisch orientierte Erneuerung der 1988 errichteten „Lindenhalle“ in Wiernsheim. Für die Wärme- und Strombedarfsdeckung der Mehrzweckhalle planen wir den innovativen Einsatz einer großen Brennstoffzelle. Damit möchte die Gemeinde Wiernsheim ein weiteres ehrgeiziges Projekt im Klimaschutz realisieren.

Wir in Wiernsheim glauben an die Zukunft einer Wasserstoffwirtschaft in Europa und möchten unseren Beitrag leisten. Zentrales Element beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft ist die Schaffung eines Absatzmarktes. Eine Brennstoffzelle bietet zudem die Möglichkeit, dass sie bis zur Verbreitung von Wasserstoff vorübergehend mit Erdgas betrieben werden kann. Wenn die Lindenhalle im Jahr 2040 klimaneutral betrieben werden soll, müssen wir jetzt und heute die Weichen dafür stellen.

Die Gemeinde möchte mit der Modernisierung ein weiteres CO2-Minderungsprojekt für ihre kommunalen Gebäude umzusetzen. Mit dem Maßnahmenpaket kann eine signifikante CO2-Minderung in einer ersten Stufe mit Gasbetrieb der Brennstoffzelle um rund 75 Prozent und in der Endstufe mit Wasserstoffbetrieb um rund 95 Prozent gegenüber dem heutigen CO2-Ausstoß erreicht werden. Der jährliche CO2-Ausstoß wird von heute 110 bis120 Tonnen auf zunächst 30 Tonnen und dann auf fünf Tonnen gesenkt.

www.wiernsheim.de

KE-Report 43